Formenlauf

von Sasan Esfandiari

Damit man die Bewegungsform optimal laufen kann, muss man sie zunächst gut verstehen. Das heißt, der einzelne Läufer muss erst verstehen lernen, was die einzelnen Bewegungen bedeuten, welche Angriffe er abwehrt und warum er gerade den einen oder den anderen Gegenangriff ausführt. Erst wenn ihm all dies bewusst ist, kann er seine Bewegungen automatisieren, und er kann „gedankenlos“ üben. Dieses „gedankenlose“ Üben setzt also voraus, dass man zuvor gedanklich einen realistischen Kampf ausarbeitet. Ist dies geschehen, kann man Geschwindigkeit, Atmung und Rhythmus bestimmen.

Das seelenlose Abspulen von Bewegungsformen, auch wenn sie technisch noch so einwandfrei sind, wirkt steril, da entweder jede Technik für sich ausgeführt wird und die Form dadurch abgehackt wirkt, oder weil die Techniken so schnell wie möglich hintereinander ausgeführt werden, ohne die notwendigen Stopps eines natürlichen Kampfes. Dies degradiert die Form zu einer reinen Parade von schnellstmöglichen ausgeführten Techniken.

Hier wird auch der Bezug zwischen den Poomse-Aktionen und der Atmung sichtbar. Man atmet ohne hörbares Schnaufen, wie es hier und da leider immer noch praktiziert wird. Eingeatmet wird zwischen zwei Techniken, sofern sie nicht eine direkt weiterführende Aktion darstellen. Ausgeatmet wird während der Ausführung einer Technik, wobei man bei Beendigung der Technik auch den Atem kurz anhält. Bei einer weiterführenden Aktion wird der Atemrest vollständig ausgestoßen. Erst dann darf man wieder einatmen.

Zur Atmung gehört auch der „Kihap“, der Kampfschrei. Das koreanische Wort „Kihap“ bedeutet wörtlich Schrei. Dieser Schrei wird im Zusammenhang mit einer Bauchpressung laut und kurz ausgestoßen. Die Lautgebung ist dabei individuell verschieden, auf keinen Fall aber ruft man das Wort „Kihap“.

Der Kihap dient der Konzentration aller geistigen und körperlichen Kraft auf einen Punkt. Im Kampf und bei der Selbstverteidigung erschreckt der Kihap den Gegner für Sekundenbruchteile, so dass man in diesem Moment einen gezielten Angriff mit einem Wirkungstreffer anbringen kann.

In den ersten sieben Taeguk wird der Kihap nur einmal, und zwar mit der Schlusstechnik ausgeführt. In den restlichen zehn Poomse kommt der Kihap jeweils zweimal vor. Die Kihaps sind ebenso wie die Techniken zwingend festgelegt, und man muss sie in Verbindung mit den vorgeschriebenen Techniken ausführen. Wird ein Kihap nicht ausgeführt oder einer zuviel ausgestoßen, zählt dies als Fehler.

Wer sich vorstellen kann, wann welche Aktionen in einer Form notwendig werden, der sieht am ehesten die kürzeren und längeren „Kampfpausen“ ein. Eine Aktion gilt hierbei einem oder mehreren Gegnern und wird in bis zu drei Schritten oder Bewegungen durchgeführt. Am Ende einer solchen Aktion wird eine „Pause“ von einer halben, bis einer Sekunde notwendig. Sie dokumentiert das Ende dieser Kampfphase. Die Schritte innerhalb einer solchen Aktion ermöglichen Pausen nach einer gerade beendeten Technik von etwa zwei bis drei Zehntelsekunden, um eine Neuorientierung für das Weiterkämpfen anzudeuten. Die langsamen Konzentrationsphasen und Techniken innerhalb einer Poomse dauern vier bis sechs Sekunden. Sie dienen der weiteren Konzentration und der Sammlung vor den nächsten Techniken.